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Fototipp - Bisschen früher los ...

Bisschen früher los ...

Bisschen früher los ...
Bisschen früher los ...

Der Weg zur Arbeit als Motiv

 

Dieser Artikel erschien erstmals im Fotomagazin d-pixx, Ausgabe 2/2013 und im Juli 2014 auf d-pixx-online, jeweils in leichter Variante.

 

Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren ist gesund, spart Sprit, und wenn man die Augen offen hält und eine Kamera dabei hat, findet man viele Motive.

Das Morgenlicht war wieder wunderbar und wie geschaffen für stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen. Jedoch hatte ich keine Zeit zum Fotografieren, weil ich mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit war. Diesen Umstand erlebte ich nur allzu oft. Also beschloss ich irgendwann, auf das Rad umzusteigen. Eine kleine System-Kamera oder Bridgekamera und ein leichtes Reisestativ sind ideale Begleiter und lassen sich leicht verstauen.

 

Wenn die Wetterlage kein oder nur wenig Regen verspricht fahre ich mit meinem E-Fahrrad bereits ab Berne los. Der gesamte Arbeitsweg ist dann rund 20 km lang und die erste Etappe führt mich den gut ausgebautem Deichradweg entlang. Je nach Jahreszeit und Sonnenstand lohnt es sich hier schon für das eine oder andere Bild einen kleinen Stopp einzulegen.

 

Warflehter Kirche
Ricoh GX200

Bw: 5,1 mm (24 mm @KB) ~ 1/200 Sek. bei f/3,2 ~ ISO 64

In einem bestimmten Zeitfenster glüht hinter der Kirche in Warfleth die aufgehende Morgensonne. Ist Dunst in der Luft und blüht der Flieder, dann ist die Stimmung perfekt für ein gutes Bild.

 

Sieht das Wetter mal schlechter aus, nehme ich meinen unmotorisierten Drahtesel auf dem Autogepäckträger huckepack und beginne die Radtour ab der Fähre Lemwerder-Vegesack. Der kürzeste Weg führt mich durch einen der schönsten Parks Bremens,  7 km entlang der Lesum. Ich passe meine Startzeiten den jahreszeitlichen Begebenheiten an, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Im Laufe einer Saison bekam ich ein Gespür, wann ich wo sein muss. Das hilft mir, in der wenig zur Verfügung stehenden Zeit meine Bild-Ideen zu realisieren.

Guten Morgen Vegesack
9 Einzelfotos ~ ca. 110° Blickwinkel ~ freihand ~ FUJIFILM FinePix S6500fd ~ Bw: 21.6 mm (100 mm @KB) ~ 1/320 Sek. bei f/5,0 ~ ISO 200

 

Schon das Warten auf das Fährschiff brachte mir manch tolles Bild ein und auch Panoramen waren in der kurzen Zeit machbar. Mit Blick auf das andere Weserufer, begrüßt mich die Morgensonne über Bremen-Vegesacks Skyline. Schnell die Kamera aus der Packtasche gefummelt, das Zoomobjektiv auf 100mm @KB eingestellt, den Bildausschnitt mit dem größten Helligkeitsanteil mit Mehrfeldmessmethode angemessen, im manuellen Modus Blende f/5,0 bei ISO200 mit einer leichten Überbelichtung eingestellt und die Schärfe auf die Gebäude gespeichert. Links angefangen und immer schön im Hochformat mit einer Drittelüberlappung, ein Bild nach dem anderen nach rechts drehend aufgenommen. Darauf achtend, dass der Horizont im Sucher immer an der gleichen Stelle bleibt. Fertig. Und schon ist die Fähre da. - Los geht's.

 

Während der Fährüberfahrt erblicke ich rechts die "Schulschiff Deutschland". Sie hat als Museumsschiff in der Lesum-Mündung ihren festen Ankerplatz gefunden. Dort beginnt meine eigentliche Tour, sieben Kilometer am Ufer der Lesum entlang.

 

 

Schulschiff Deutschland
Olympus E-M10 ~ Lumix G Vario 45-200/F4,0-5,6

Bw: 91 mm (182 mm @KB) 1/500 Sek. bei f/5,0 ~ ISO 400
In den Wintermonaten geht die Sonne hinter dem Schulschiff auf. Mit einem Teleobjektiv verdichtet sich Vorder- und Hintergrund auf eine scheinbar gleiche Bildebene. Die Entfernungen und damit die räumliche Tiefe im zweidimensionalem Foto erschließt sich dem Betrachter fast nur noch über die sogenannte Luft- bzw. Farbperspektive. Hier wirken nahe Objekte dunkler und kontrastreicher, während ferne Objekte heller und kontrastärmer erscheinen.

Doch zuvor muss ich noch die 42 m lange, stählerne Fußgängerklappbrücke, die seit 1999 über das Vegesacker Hafenbecken führt, überqueren. Wenn sich über ihr der Himmel durch die Morgenröte verfärbt, erscheint mir die Brücke wie das Tor zu einem Weg in einen viel versprechenden, neuen Tag. Als sich mir der Himmel so farbenprächtig bot, konnte ich nicht anders, als mein kleines Reisestativ vorsichtig auf den mittig vor der Brücke aufgestellten Betonpfeiler aufzusetzen, um ein Bild zu machen.

Weg in einen neuen Tag

Panasonic DMC-G2 ~ Lumix G Vario 14-42/F3,5-5,6

Bw: 17 mm (33 mm @KB) ~ 20 Sek. bei f/11 ~ ISO 100
Bei solchen Zentralperspektiven kommte es auf sorgfälltige Ausrichtung der Kamera an. Die Belichtung des hohen Dynamikumfangs (Lichter und Schatten) lässt sich gut im RAW-Format bewältigen. Alternativ können auch Belichtungsreihen angefertigt werden, die zu einenm Gesamtergebnis zusammengerechnet werden können (HDR - High Dynamic Range)

Wenn an manchen Tagen der Frühnebel besonders dicht ist und noch durch den Vegesacker Hafen wabert, komme ich nicht daran vorbei ein paar Fotos zu schießen. Hier treffe ich auf architektonische Motive, die sich thematisch völlig von den sonst landschaftlichen Motiven unterscheiden. Eine willkommene Abwechslung, noch bevor ich richtig losradeln kann.

Klappbrücke im Nebel
Olympus E-M10 ~ Olympus M.9-18/F4 ,0-5,6

Bw: 9 mm (18 mm @KB) 1/3 Sek. bei f/8,0 ~ ISO 100
Grafisch ist die Brücke mit ihren Schiffsdurchfahrtsbegrenzungen immer eine fotografische Herausforderung. Im Nebel verschwinden störende Objekte im Hintergrund. Um Leben in die Szene zu bringen, bin ich selber über die Brücke geschritten und löste meine, auf Stativ gepflanzte Kamera per Fernauslöser aus.

 

Möchte ich allerdings im Knoops Park das schöne Morgenlicht erleben, muss ich mich beeilen und etwas in die Pedale treten. Der 65 Hektar große Park schließt Gutshäuser und großzügige Freiflächen in alte Baumbestände ein. Aussichtspunkte am hoch gelegenen Lesumhang, wie zum Beispiel die Jünglingshöhe, bieten einen unvergleichlichen Blick über den Fluss.

 

Jünglingshöhe
FUJIFILM FinePix S6500fd

Bw: 9,3 mm (42 mm @KB) ~ 1/60 Sek. bei f/8,0 ~ ISO 200
Mächtige, alte Bäume filtern den Morgendunst, der sich, von der aufgehenden Sonne illuminiert, wie ein mystischer Schleier über die beliebte Lichtung der Jünglingshöhe legt.

 

Unterhalb der Jünglingshöhe, von der Spitze einer in der Lesum liegenden Halbinsel, hat man einen herrlichen Blick stromaufwärts. Zudem liegt sie geografisch günstig, um dort den Sonnenaufgang zu erwarten. Ich suche diesen Ort häufig auf, denn nur wenn Wetter und Zeitpunkt stimmen, offenbart sich dieser kurze Moment in seiner ganzen, stimmungsvollen Pracht.

Neuer Morgen
Panasonic DMC-G2 ~ Walimex Pro 7,5/F3,5

Bw: 7,5 mm (15 mm @KB) ~ 1/30 Sek. bei f/11 ~ ISO 100
Hyperfokale Distanz - Eindrittelregel: Die Schärfe breitet sich vom angmessenem Fokuspunkt etwa zwei Drittel nach hinten und ein Drittel nach vorne aus. Hier habe ich auf den Baum links im Bild fokussiert. Das Superweitwinkel und Blende 11 garantieren maximale Schärfentiefe.

 

Die Halbinsel erreicht man über eine Brücke, die im Frühjahr ein von mir gerne fotografiertes Motiv geworden ist. Gesäumt von zwei Weiden, die nach dem Winterschnitt nun wieder ausschlagen, bildet sie einen geheimnisvollen Zugang auf die Landzunge. An dieser Stelle mache ich fast täglich eine kurze Rast. Das im Wecheslspiel der Gezeiten überflutete und wieder halb trocken fallende Hinterland der Lesum bietet immer irgendwelche spannenden Beobachtungen. Dazu gehören Krähen, Enten und Gänse, Grau- und Silberreiher und mit besonders viel Glück auch eine Begegnung mit dem Eisvogel.

 

 

BrückenWächter
Panasonic DMC-G2 ~ Lumix G Vario 14-42/F3,5-5,6

Bw: 14 mm (28 mm @KB) ~ 1/15 Sek. bei f/8,0 ~ ISO 100
Die Weiden an der kleinen Brücke zur Halbinsel werden jeden Herbst zurückgeschnitten. Auf diese Weise entsteht die typische Form, die zur sogenannten Kopfweide führt. Zwei dieser so ausgeformten Bäume wirken wie Wächter, die das Portal zur Brücke bewachen.

 

Auf meinem Weg komme ich immer wieder an meinem Lieblingsbaum vorbei. Es ist ein kleiner, zierlicher Maronenbaum (Esskastanie). Er steht aus fotografischer Sicht etwas unglücklich am Rand einer kleinen Mauer und rechts und links zwischen größeren Bäumen eingezwängt. Außerdem hat sein Stamm eine "geknickte" Form, die fast wie Körpersprache wirkt. Für mich eine Herausforderung diesen Lebenskünstler freizustellen und würdevoll abzulichten. Unzählige male hatte ich das Bäumchen in den Sucher genommen, aber erst die richtige Wetterlage, ein Nebelmorgen, brachte mir mein Lieblingsbild.

KnicksBaum
Panasonic DMC-G2 ~ Lumix G Vario 14-42/F3,5-5,6

Bw: 14 mm (28 mm @KB) ~ 1/5 Sek. bei f/11 ~ ISO 100
Es zahlt sich aus, ein Motiv immer wieder bei unterschiedlichen Lichtsituationen in verschiedenen Perspektiven anzugehen. Stimmen Licht und andere Umweltfaktoren, so ist die passende Komposition schnell gefunden, gepaart mit einer stimmigen Belichtung (hier eine leichte Überbelichtung) entsteht ein echter Hingucker.

Ein weiteres von mir beliebtes Motiv ist das kleine Nebengebäude des Cafe Knoops Park. Mit seinem noch kleinerem Backhaus wirkt es für mich ein wenig wie das Knusperhaus aus Hänsel und Gretel. Daher liegt es auch hier nahe, immer wieder vorbei zu schauen, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Jahreszeiten und Lichtsituationen zu beobachten und einzufangen.

 

KnusperHäuschen
Panasonic DMC-G2 ~ Lumix G Vario 14-42/F3,5-5,6

Bw: 37 mm (74 mm @KB) ~ 1/30 Sek. bei f/5,6 ~ ISO 800
Auch hier sorgt der Morgendunst für die nötige Portion Mystik. Eine leichte Überbelichtung lässt das Licht im Bild schmelzen. Der hohe Isowert macht auch eine leichte Telebrennweite aus der freien Hand beherrschbar.

Die Suche geeigneter Motive führte mich auch zu recht komplexen Bildkompositionen. Ein kleiner Anleger zog mich immer wieder an. Die gelben Dalben, die die Landungsbrücke flankieren, brachten mich auf die Idee für ein 360°-Panorama. Den geeigneten Aufnahmestandort hatte ich schnell gefunden und dabei entschieden, dass der Anleger das zentrale Element im Bild werden musste. Schwierig war, dass ich das Stativ am Rand des Anlegers aufstellen musste und der Ponton schwankte. Ich brauchte drei Anläufe, bis das Licht mitspielte und ich die Technik beherrschte, mich und meinen Schatten zwischen den Einzelaufnahmen zu verstecken.

Ponton
Panasonic DMC-G2 ~ Walimex Pro 7,5/F3,5 ~ Bw: 7,5 mm (15 mm @KB) ~ 1/1250 Sek. bei f/6,3 ~ ISO 100

 

 

Das letzte Stück meiner Tour kommt mir zuweilen etwas langweilig vor. Jedoch ergeben sich auch hier im entsprechenden Morgenlicht unverhoffte Motive, die mich immer wieder innehalten lassen.

 

 

Morgenstund hat Gold im Mund
Panasonic DMC-G2 ~ Lumix G Vario 45-200/F4,0-5,6

Bw: 78 mm (156 mm @KB) 1/800 Sek. bei f/4,4 ~ ISO 100
Der Baum im Gegenlicht hatte schon häufiger meine Aufmerksamkeit. Jedoch ergab sich erst ein inhaltlich abgerundetes Bild, als ich mir etwas mehr Zeit nahm und auf einen Radfahrer wartete.

Wichtig ist es, die Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt zu richten, sich nicht von Sorgen oder anstehenden Verpflichtungen zu sehr gefangen nehmen zu lassen. Dann kann auch ein verlängerter Arbeitsweg zu Entspannung und Ausgleich führen. Ich investiere täglich ca. 30 bis 45 Minuten mehr Fahrzeit für meine Fotoaktivitäten. Ein vergleichsweise geringer Aufwand, denn so gewinne ich Zeit für mein Hobby und brauche den morgendlichen Lichtstimmungen nicht mehr nachzutrauern.

Oh, schon so spät? Nun muss ich aber weiter.

 

Copyright Juni 2018 Text und Fotos: Kai Kinghorst

Weitere Bilder, die auf dem Arbeitsweg hin oder zurück entsanden sind: